Ich kam nach Hause und erwartete Wärme, den vertrauten Geruch unserer Wohnung, die Umarmung meines Mannes nach Tagen der Abwesenheit, etwas Geborgenes, etwas Normales. Doch sobald ich eintrat, fühlte sich die Stille befremdlich an. Sie war nicht friedlich. Sie war leer, als wäre etwas aus dem Raum verschwunden und durch Anspannung ersetzt worden.
Auf dem Schrank im Eingangsbereich lag ein Zettel in der Handschrift meines Mannes, doch darunter verbarg sich unverkennbar der Tonfall seiner Mutter. Drei grausame Worte waren immer wieder mit blauer Tinte unterstrichen, so fest, dass das Papier beinahe riss.
KÜMMERN SIE SICH UM DIESE SENILE ALTE FRAU.
Keine Erklärung. Keine Begrüßung. Nur dieser Satz, scharf wie eine Klinge.
Eine Welle der Wut stieg in mir auf, gefolgt von etwas Komplizierterem, etwas Schwererem. Scham. Nicht meine eigene, sondern etwas, das ich wie einen Fleck im Raum spürte.
Als ich von meiner Dienstreise nach Valencia zurückkam, wirkte die Wohnung in Carabanchel seltsam leer. Ich zog meinen Koffer den Flur entlang, die Rollen hallten viel zu laut auf den Fliesen wider. Die Luft roch stickig und stickig, als wären die Fenster tagelang nicht geöffnet worden.
Ich rief Oma Dolores an.
Keine Antwort.
Der Fernseher war aus. Die Küche wirkte halb aufgeräumt; ein trübes Glas mit eingetrockneten Milchresten stand auf der Arbeitsfläche. In der Spüle stand ein Teller mit angetrockneten Essensresten. Vom Ende des Flurs drang ein feuchter, säuerlicher Geruch herüber, der nicht in ein Haus gehörte.
Ich wusste bereits, woher es kam.
Das kleine Zimmer, das Javier immer spöttisch Omas kleinen Abstellraum nannte.
Ich drückte die Tür auf.
Als Erstes nahm ich den Geruch wahr.
Dann Stille.
Dolores lag im Bett, halb an plattgedrückte Kissen gelehnt, die aussahen, als wären sie seit Tagen nicht gewechselt worden. Die Laken waren fleckig. Ihr Nachthemd schmiegte sich an ihren schmalen Körper. Ihre Haut hatte einen gräulichen Ton, der mir ein flaues Gefühl im Magen verursachte, ihre Lippen waren trocken und rissig.
Aber ihre Augen.
Ihre Augen waren geöffnet.
Und es waren nicht die Augen eines Verlorenen.
Sie waren eindeutig.
Aufpassen.
Ein feuchtes, rasselndes Geräusch stieg aus ihrer Brust auf.
„Gott“, flüsterte ich und trat näher. „Dolores, ich bin’s, Lucía. Ich bin zurück.“
Sie blinzelte langsam und hob zitternd die Hand, suchte nach etwas, nach jemandem. Ich reagierte schnell, nahm sie und hielt sie sanft. Ihre Haut war kalt. Zu kalt.
Der Geruch von Urin und billigen Medikamenten hing in der Luft, und eine stille, widerliche Erkenntnis beschlich mich.
Sie hatten sie so zurückgelassen.
Für wie lange.
„Hilf mir“, hauchte sie, die Worte zerbrechlich, aber unmissverständlich.
Ich beugte mich näher zu ihm, mein Herz zog sich zusammen.
„Natürlich“, sagte ich leise. „Ich bin hier.“
Ihre Finger umklammerten meine plötzlich fester.
Nicht schwach.
Nicht verwirrt.
Absichtlich.
Hilf mir, Rache zu nehmen.
Mir stockte der Atem.
Was sagst du da, Dolores?
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