Ihr Blick traf meinen, scharf, konzentriert, etwas Wildes flackerte unter der Erschöpfung auf.
„Sie haben keine Ahnung, wer ich wirklich bin“, flüsterte sie, fast mit einem Anflug von Stolz. „Aber du wirst es herausfinden.“
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Seit meiner Heirat mit Javier war es immer dasselbe. Dolores war alt. Vergesslich. Eine Last. Jemand, der von einer kleinen Rente lebte und den man führen und ertragen musste.
Die Frau vor mir wirkte aber nicht verloren.
Sie sah aus wie jemand, der gewartet hatte.
„Im Schrank, in der untersten Schublade“, sagte sie, jedes Wort kostete sie den Atem. „Der grüne Umschlag. Nimm ihn. Er ist für dich.“
Ich zögerte.
Dolores, ich sollte zuerst einen Krankenwagen rufen. Es geht dir nicht gut.
Ihr Griff verstärkte sich erneut, und zwar überraschend fest.
Zuerst der Umschlag.
In ihrer Stimme war nun keine Verwirrung mehr zu hören.
Nur Dringlichkeit.
Ich stand auf und durchquerte den Raum, mein Puls raste. Die Kommode war alt, der Lack abgeblättert, darüber hing ein kleines Kruzifix. Ich zog die unterste Schublade auf.
Ordentlich gefaltete Kleidung.
Nichts Ungewöhnliches.
Dann sah ich es.
Im hinteren Bereich.
Ein dunkelgrüner Umschlag, flach an das Holz gepresst, als wäre er sorgfältig und absichtlich versteckt worden.
Mein Name war in fester, gleichmäßiger Handschrift darauf geschrieben.
LUCÍA MARTÍN GARCÍA.
Ich habe es aufgehoben.
Es war schwerer, als es hätte sein sollen.
„Öffne es“, flüsterte Dolores.
Ich schob meinen Finger unter das Siegel und riss es vorsichtig auf. Darin befanden sich Dokumente, Fotokopien, notariell beglaubigte Papiere und ein kleiner schwarzer USB-Stick, der an der Ecke befestigt war.
Die erste Seite war in fetten Großbuchstaben geschrieben.
FÜR DEN TAG, AN DEM ICH BESCHLIESSE, DAS EINZUHOLEN, WAS SIE MIR SCHULDEN.
Mein Herz begann zu rasen.
Ich blätterte die Seite um.
Grundbucheinträge.
Kontoauszüge.
Rechtliche Übertragungen.
Namen.
Javiers Name.
Pilars Name.
Und dann Dolores’ Name.
Aber nicht als Angehöriger.
Als Eigentümer.
Von allem.
Die Wohnung.
Zwei weitere Objekte.
Konten, von denen ich noch nie gehört hatte.
Mir stockte der Atem.
Das ergab keinen Sinn.
Nichts davon entsprach der Geschichte, die mir erzählt worden war.
Und dann hörte ich es.
Das scharfe Klicken des Haustürschlosses.
Mein ganzer Körper erstarrte.
Schritte.
Zwei Sets.
Zuerst Javiers Stimme, lässig, zerstreut.
Sie ist heute wieder da, richtig?
Pilars Stimme folgte, tiefer, schärfer.
Dann kann sie sich um diese Frau kümmern. Ich bin fertig.
Mein Griff um den Umschlag verstärkte sich.
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